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Überkorrektur oder Freiraum? Oder warum man einfach auch mal "nicht hinschauen" sollte.

 

Die Schulter fällt nach innen. Das innere Hinterbein fußt nicht ganz sauber nach. Der Rücken könnte weiter oben sein und besser schwingen. Der Galopp war in den letzten Sprüngen nicht mehr bergauf und der Übergang holprig.

 

Welcher auch nur halbwegs ambitionierte Reiter kennt das nicht? Das Zerpflücken der Darbietung des eigenen Pferdes in alle (ausbaufähigen) Einzelteile und der damit aufkeimende Frust. Nicht nur bei dir, sondern auch bei deinem Pferd.

 

Stell dir mal folgendes vor:

Jemand möchte 10 Dinge von dir, alle am besten gleichzeitig. Eigentlich hast du aber keine Ahnung von diesen Dingen und verstehst nur Bahnhof. Du weißt, du sollst irgendetwas mit deinem Körper machen, die Erklärung dazu hinkt aber ein bisschen. Du fühlst dich überfordert. Vielleicht hast du an diesem Tag schon Mühe, deine Grundbalance zu finden. Das wird aber tunlichst unterbunden, weil jeder Schritt den du machst in einer Korrektur endet. Das nicht, das nicht, das auch nicht. Aber was denn bitte dann? Vielleicht lässt deine eigene Körperwahrnehmung sowieso schon zu wünschen übrig und du kannst dich gar nicht gut spüren. Du weißt also gar nicht, wie es sich anfühlen soll, was du leisten sollst. Machst du ein paar Tritte zu schnell wirst du sofort gestoppt. Machst du sie zu langsam, kommt sofort eine Aufforderung, flotter zu sein. Du bräuchtest dringend eine ruhige Erklärung, du verstehst aber nicht einmal die Sprache deines Gegenübers. Du versuchst, seine Haltung und sein Gefuchtel zu deuten und machst das, was dir instinktiv richtig und in dem Moment machbar erscheint. Vielleicht kannst du es einfach noch nicht besser, vielleicht hast du es einfach nicht verstanden und vielleicht tut dir sogar etwas weh oder du fühlst dich schlicht und einfach unwohl dabei. Deine kleinen Signale werden aber übersehen, sprechen kannst du ja leider nicht. Du wirst hektisch, vielleicht bekommst du Angst, vielleicht bist du aber auch so ein Typ, der einfach abschaltet und passiv wird. Jedenfalls erfüllst du nicht die Erwartungen - und das spürst du auch. Die Stimmung ist nicht gut, du fühlst die Unzufriedenheit. Du bemühst dich, aber die Bemühungen werden als selbstverständlich und nicht des Lobes wert angesehen - weil du das gestern vielleicht schon besser gemacht hast. Was auf einem guten Weg ist, wird nicht kommentiert. Die meiste Aufmerksamkeit, die du bekommst, hat etwas mit Fehlern zu tun, die du gemacht hast. Du würdest gern alles richtig machen, aber die Sprache deines Gegenübers ist dir fremd und sein Tun vermittelt dir meist widersprüchliche Signale.

 

Jetzt stell dir diese Situation vor:

Du stehst vor einer neuen Herausforderung. Du sollst mit deinen Beinen irgendetwas machen. Dein Gegenüber nimmt Kenntnis von deiner psychischen und physischen Verfassung an diesem Tag und weiß genau, ob du schon bereit bist für diese neue Bewegung oder ob du noch kleinschrittige Erklärungen benötigst. Die Zeit, sie in deinen Kopf und in dein Körpergefühl aufzunehmen, wird dir immer gewährt. In den Grundbewegungen darfst du dich selbst finden, deine Balance herstellen und dich und deinen Körper ausprobieren. Erst wenn sicher gestellt ist, dass du wirklich Hilfe brauchst, wird es dir wieder und wieder in Ruhe erklärt. Es wird dir viel Zeit eingeräumt, deine eigenen Erfahrungen zu machen. Du bekommst genügend Pausen um dich zu regenerieren, du darfst zur Ruhe kommen oder deiner Energie Ausdruck verleihen. So wie du es brauchst. Jeder Erfolg wird honoriert, du hörst es in der Stimme, du fühlst das Wohlwollen durch Gesten oder Dinge, die für dich wichtig sind. Dein Gegenüber wird nicht müde, dir zu helfen. Und obwohl er nicht deine Sprache spricht, fühlst du dich wohl und geborgen und hast keine Angst. Falls du doch einmal im Eifer des Gefechts zu weit gehst, wird eine deutliche Grenze gesetzt, es wird dir aber nicht nachgetragen. Es wird dir immer ein Rahmen eingeräumt, in dem du dich selbst entfalten kannst, deine Ideen einbringen kannst, deine Motivation zeigen kannst. Auch wenn das vielleicht gerade nicht das gewünschte Idealbild war, bleibt dein Gegenüber doch offen für deine Kreativität. Durch Nachsicht können wunderbare Dinge entstehen. Und weil es dir erlaubt wird, dich selbst zu erfahren, lösen sich ganz viele Defizite nach und nach in Luft auf. Bei Manchem brauchst du Unterstützung, aber vieles gelingt dir selbst immer besser, learning by doing, Schritt für Schritt, Tritt für Tritt, Sprung für Sprung. Du darfst dich selbst erfahren, erspüren, kennenlernen. Du darfst du selbst sein bei dem was du tust, deine Talente werden gefördert. Was du noch nicht so gut kannst, wird dir erklärt. In deinem Tempo, so dass du es verstehen kannst. Und obwohl du die Sprache deines Gegenübers nie sprechen wirst, hast du doch die Möglichkeit mit ihm eine Kommunikationsbasis aufzubauen. Mit Einfühlungsvermögen, Mitgefühl und Wertschätzung und viel Raum für dein eigenes Ich.

 

Welches Beispiel wäre dir lieber, wenn du ein Pferd wärst?

 

Mit Wissen, Lernbereitschaft, Reflektion und ständiger Arbeit an sich selbst kann man dem ersten Szenario vorbeugen.

 

Nicht jedes Defizit ist relevant, nicht an allem "muss" man arbeiten. Vieles benötigt einfach nur Routine und Übung, Raum zum Ausprobieren und Zeit zum Spüren. Was sich gut anfühlt, wird schneller gespeichert. Und auch wenn es manchmal mühsam ist, weil es sich anfangs schwierig anfühlt, oder anstrengend, ist es das Gefühl, welches während des Trainings entsteht, dass uns entweder dazu veranlasst, weiter zu üben oder sich vielleicht sogar lieber gegen etwas zu wehren.

 

Alles was wir als Reiter oder Ausbilder tun, vermittelt ein Gefühl. Immer schwingt eine Emotion mit. Der Träger von Erfolg oder Misserfolg ist in sehr vielen Fällen das Gefühl, dass in meinem Gegenüber, dem Pferd, entsteht. Je besser sich das Pferd in unserer Gesellschaft und nach dem Training fühlt, je mehr wird es auch bereit sein, zu "arbeiten", sich anzustrengen.

 

Diese Komponente des individuellen Erschaffens von guten Gefühlen ist ein großer Teil meiner Arbeit mit den Pferden. Es ermöglicht oft Dinge und Leistungen, die man nie für möglich gehalten hätte. Dies braucht aber Zeit und die unermüdliche Arbeit an sich selbst.

 

Ich freue mich, Dolmetscher sein zu dürfen und sehr oft zwei aneinader näher bringen zu können.